
Johannes Gräber (rechts) prägte als Head of Modernisation and Approval Strategy / Homologation & Associations bei Knorr-Bremse Systeme für Schienenfahrzeuge über ein Jahrzehnt die europäische Gremienarbeit zur Interoperabilität. Zum Jahresende geht er in den Ruhestand; seine Nachfolge übernimmt Felix Jakob, Head of Public Affairs und Leiter für technische sowie strategische Verbandsbeziehungen. | © Knorr-Bremse
Mit dem System und dem Innovation Pillar setzen EU und europäischer Bahnsektor in Europe’s Rail Joint Undertaking (EU-Rail) auf eine innovative Projektarchitektur. Sie bringt frischen Schwung in die Entwicklung gemeinsamer Standards – und könnte zum Schlüssel für ein integriertes europäisches Bahnsystem werden.
Beim Kuppeln von Zügen gelten europaweit unterschiedliche Betriebsverfahren, was häufig zu Unterbrechungen und
betrieblichen Zwischenstopps führt. Im Europe’s Rail Joint Undertaking (EU-Rail), dem seit 2021 laufenden „Shift2Rail“- Nachfolger, erarbeitet der europäische Eisenbahnsektor ein europaweit einheitliches Szenario: direkt aus einer ETCSFahrerlaubnis automatisiert abbremsen und in die fahrzeugspezifische Kuppelgeschwindigkeit wechseln.
Das Kuppel Szenario ist nur eines von vielen Projekten, an denen die System Pillar Domain „Operational Harmonisation“ arbeitet. Ihre Aufgabe besteht in der umfassenden Vereinheitlichung des in Europa geltenden betrieblichen Regelwerks. Fünf weitere fachliche Arbeitsgruppen bringen sich im Arbeitsfeld „Leit- und Sicherungstechnik“ ein. Weitere Arbeitsfelder befassen sich mit den Themen „Gesamtsystem Bahn“, „Zugsteuerung & Kapazitätsmanagement“, „Harmonisierte Diagnostik“ und „Digitaler Güterzug (Full Digital Freight Train Operations – FDFTO)“ – womit beispielsweise die Knorr-Bremse Aktivitäten zur Digitalen Automatischen Kupplung (DAK) abgedeckt sind. Ziel ist es, die technologische Zusammenarbeit zu stärken und die europäische Eisenbahnlandschaft enger miteinander zu verbinden.
Sektorübergreifende Arbeitsgruppen entwickeln gemeinsame Standards
„Mit dem EU-Rail-Start haben wir auf eine neue System-Pillar-Projektarchitektur gewechselt und treiben damit die Transformation eines einheitlichen europäischen Eisenbahnraums top-down voran. Schritt für Schritt bauen wir bisherige technische Barrieren ab“, erklärt Head of the System Pillar, Ian Conlon. Dazu gibt es einen sektorübergreifenden Prozess: Eisenbahnverkehrs- und Infrastrukturunternehmen, Hersteller und Systemlieferanten arbeiten in fachspezifischen Teams zusammen, um harmonisierte Richtlinien und technische Spezifikationen für neue Standards aufzusetzen – etwa für ETCS oder ATO.
Betreiber bringen ihre praktischen Anforderungen und Erfahrungen ein, während Hersteller ihr technisches Fachwissen und Innovationspotenzial beisteuern. „So entstehen Lösungen, die den operativen Bedarf erfüllen, auf breite Akzeptanz stoßen und eine Balance zwischen Wünschen und kostengünstiger Realisierbarkeit darstellen“, sagt der System Pillar-Leiter. Dabei gelte die Devise: so viel Regulierung wie nötig, so wenig wie möglich. Die Leitungsebene bildet die System Pillar Core Group. Dort sind neben Eisenbahnen und mehreren großen OEMs auch Knorr-Bremse als Vertreter der Tier-1-Supplier beteiligt.
„Die wichtigste Weiche ist gestellt“
Herr Gräber, politisch ist Europa schon sehr stark zusammengewachsen. Warum noch nicht im Schienenverkehr?
In den ersten Jahrzehnten wurden Eisenbahnsysteme und ihre Infrastruktur bewusst national unterschiedlich konzipiert – oft aus militärstrategischen Gründen für den Kriegsfall. Weil Bahninfrastruktur sehr langlebig ist, haben sich diese nationalen Standards und Regelwerke über viele Jahrzehnte gehalten. Anders als im Straßen- oder Luftverkehr sind im Schienenverkehr Infrastruktur und Fahrzeuge sehr viel enger miteinander verzahnt. Das erschwert technische Veränderungen zusätzlich, zumal es auch Unterschiede in den Sicherheitsphilosophien gibt. Und natürlich hat im Laufe der Zeit auch die eine oder andere nationale Befindlichkeit eine schnellere europäische Harmonisierung nicht gerade begünstigt.
In den vergangenen rund 30 Berufsjahren waren Sie stets in die europäische Gremienarbeit eingebunden. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Jetzt geht’s mit der Harmonisierung wirklich voran?
Einen einzelnen, entscheidenden Moment habe ich nicht erlebt. Es ist eher ein Prozess. Rückblickend war das in den 1990er-Jahren entwickelte und 2001 ratifizierte „Erste Eisenbahnpaket“ ein doppelt bedeutender Meilenstein: Zum einen schufen erstmals klare Richtlinien die Grundlage für eine gemeinsame europäische Eisenbahngesetzgebung. Zum anderen wurde in der Branche schnell deutlich: Gemeinsam sind wir stärker als jeder für sich.
Was halten Sie für entscheidend, damit die Harmonisierungspläne aufgehen?
Fahrzeugseitig sind wir heute schon weit. Mit dem ETCS der nächsten Generation steht nun auch infrastrukturseitig ein großer Schritt bevor. Gerade die vergangenen Jahre im System Pillar stimmen mich zuversichtlich: In den zuständigen Gremien habe ich selten einen so klaren Drang zur echten europäischen Harmonisierung erlebt – insbesondere, was die grundlegenden Betriebsregeln angeht. Wenn man so will: Die wichtigste Weiche ist gestellt.
