
Kasachstan stellt seine Weichen im Schienenpassagierverkehr neu: Mindestens
537 Schlaf- und Liegewagen hat die Kasachische Eisenbahn KTŽ bei Stadler Rail
bestellt, um die großen Zentren des Landes mit modernen und komfortablen Zügen
zu verbinden. In ihren Bremssystemen kommt ein neuartiges Bremsventil zum
Einsatz: Es fußt auf einem AAR-Güterwagen- sowie GOST-Passagierventil und
beinhaltet zudem einige UIC-Komponenten und Baugruppen.
Dass sich Kasachstan zur zentralasiatischen Drehscheibe für den Schienenverkehr
entwickeln möchte, ist unübersehbar: Im Rahmen großer Infrastrukturprojekte befinden
sich insbesondere die Transkaspische Internationale Transportroute (TITM) sowie die
Nord-Süd-Verbindung im Ausbau. Insgesamt gibt es in dem flächenmäßig neuntgrößten
Land der Welt bereits fünf internationale Eisenbahnkorridore. Vor rund drei Jahren kam
mit dem sogenannten Mittleren Korridor die bislang letzte Container-Route hinzu.
Gen Westen baut ein Joint Venture von KTŽ und der nationalen georgischen
Eisenbahngesellschaft einen neuen Containerterminal mit Eisenbahnanschluss am
georgischen Schwarzmeerhafen Poti. In östlicher und südöstlicher Richtung wird eine
Machbarkeitsstudie für eine Bahnverbindung von China über Kirgistan nach Usbekistan
erarbeitet.
Auch im Passagiersektor plant die KTŽ groß: Bei Stadler Rail sind mindestens 537
Schlaf- und Liegewagen fest bestellt. Zudem wird der Hersteller über einen Zeitraum
von in jedem Fall 20 Jahren den Service für die Fahrzeuge bereitstellen. Die
Produktionsstätte in Kasachstans Hauptstadt Astana haben die Schweizer bereits
übernommen, umgebaut und eröffnet. Mit dem neuen Fuhrpark will die staatliche
Eisenbahn die großen Zentren des Landes auch im schienengebundenen
Passagierverkehr untereinander verbinden.

Binnen eineinhalb Jahren zum Prototyp
Ein 537-Reisezugwagen-Auftrag fällt fraglos unter die Kategorie Großauftrag. Doch
selbst diese Fahrzeuganzahl sowie etwaige Optionsbestellungen mit eingerechnet wäre
eine Clean-Sheet-GOST-K-Steuerventilentwickelung aufgrund der umzulegenden
Entwicklungskosten wirtschaftlich kaum darstellbar gewesen. Auch die Zeitachse
drängte. Bereits in sechs Jahren soll der letzte neue Reisezugwagen die Fabrikhallen
verlassen.
Knorr-Bremse gewann die Ausschreibung der Bremsausrüstung mit einer Besonderheit:
Einer GOST-K-Lösung auf Basis des AAR-Güterwagenventils DBTV, die mit Technologie
aus dem GOST-Portfolio (Steuerventil KAB60) auf die Anforderungen eben dieses
Standards hin ertüchtigt wurde. Beispielsweise, um die geforderten Kurz- und
Langzugbremsarten umzusetzen. Die besondere Kombination ist nicht zuletzt deshalb
technisch möglich, da sowohl AAR- und GOST-Standard auf dem einlösigen „Triple
Valve“ basieren. Für die Schnellbremsfunktion griffen die Entwickler auf bewährte
Komponenten aus dem UIC-Portfolio zurück.
Historisch bedingt orientieren sich die GOST-K-Normen für den kasachischen
Schienenverkehr an Normen der ehemaligen Sowjetunion, sind jedoch mit der
zunehmenden Zusammenarbeit des Landes mit der Eurasischen Wirtschaftsunion
(EAWU) an die internationalen Standards der UIC sowie an Regularien aus China
angepasst worden. Der kasachische Sonderweg soll dem Land den
grenzüberschreitenden Verkehr erleichtern. Zudem berücksichtigt der GOST-K-Standard
die besonderen lokalen Anforderungen im Hinblick auf die Verhältnisse in den Steppen?und Gebirgshochlagen. Bestimmte Vorgaben unter anderem an die chemische
Zusammensetzung von Legierungselementen und Prüfmethoden gehen damit einher.
Dank des AAR-GOST-UIC-Gleichteilkonzepts mussten wenige gänzlich neue Bauteile
entwickelt werden. Dies war entscheidend für die kurze Entwicklungszeit von etwa
eineinhalb Jahren von der Idee bis zum Prototyp. Für eine komplette Neuentwicklung gilt
etwa das Dreifache als realistischer Zeitrahmen.
Diverse Adaptionen an bereits zugelassenen Komponenten
Die verbleibenden Anforderungen realisierte das Entwicklungsteam über Adaptionen an
bereits zugelassenen Komponenten und Baugruppen. So wurden die erforderlichen
Funktionselemente sowie nötige Steuervolumina in ein modifiziertes Gehäuse integriert.
Zusätzlich eingegliederte Ventiltechnologie verhindert das ungewollte Ansprechen des
Schnellbremsbeschleunigers beim im GOST-K-Bereich üblichen Lösen der Bremse per
Füllstoß. Finalisiert wurde das Design durch Anpassungen an Genauigkeit und
Empfindlichkeit gemäß Anforderungen des GOST-K-Regelwerks.
Die Bremsabsperreinrichtung und die Funktionalität für das manuelle Lösen ist nicht
verrohrt, sondern vorteilhaft auf einem Tafelträger angeordnet. Sein Design ähnelt dem
Aufbau jenen in den KZ8A-Doppellokomotiven für Güterzüge sowie den KZ4AT?Personenzuglokomotiven Tafeln.
Gänzlich entfallen konnte das Ls-Schnellentlüftungsventil. Dieses ermöglicht im UIC?Betrieb mit seiner exakten Regelung des Schnellbremsbeschleunigers die
Notbremsüberbrückung (NBÜ) durch den Zugführer, sollte ein Nothalt des Zuges an
exponierter Stelle wie im Tunnel oder auf einer Brücke drohen. Eine Funktionalität, die
im GOST-K-Markt allein schon wegen der fehlenden zweiten Versorgungsleitung neben
der Hauptluftleitung nicht vorgesehen ist. Stattdessen schließt der
Schnellbremsbeschleuniger erst kurze Zeit nach vollständiger Entlüftung der
Hauptluftleitung.
Den AAR-Temperaturbereich des Verteilventils (bis -43°C) galt es auf die
witterungsbedingten bis -50 °C zu ertüchtigen. Wo erforderlich wurde auf
Gummimischungen für Tieftemperaturanwendungen umgestellt. Am oberen Ende des
Temperaturbereichs waren keine Anpassungen nötig, da dieser gemäß AAR- und GOST?K-Standard jeweils bei +70°C liegt
Nicht immer muss das „Rad“ neu erfunden werden
Im Jahresverlauf wurden bereits die ersten 60 der neuen Steuerventile in Kooperation
der Standorte Watertown, im US-Bundesstaat New York, und Berlin produziert. Die erste
Hälfte war zur Simulation eines gesamten Zugverbands im Zuge der Homologation
vorgesehen, die zweite Hälfte wurde bereits an das Werk von Stadler Rail in Astana und
zum Einbau in die ersten Reisezugwagen versandt.
Eine Besonderheit geht auch mit der Homologation des neuen Steuerventils einher. Sie
erfolgte unter Aufsicht von Mitarbeitern der kasachischen Zertifizierungsbehörde am
Einzelprüfstand (Raumtemperatur, Grenztemperaturen, „Shaker”) sowie dem
Universellen Systemprüfstand (UZP) von Knorr-Bremse in München. Einer großen Spirale
gleich, simuliert die „aufgewickelte“ UZP-Hauptluftleitung das Bremsverhalten
kompletter Personen- und Güterzüge mit bis zu 208 Wagen sowie mehr als drei
Kilometern Länge. Die Tests in Raumtemperatur und am „Shaker” durchlief das Ventil
bereits im Jahr 2024 erfolgreich. Im Laufe des Frühjahrs 2025 folgten die
Grenztemperaturtests sowie die für die GOST-K-Homologation nötigen 30
hintereinandergeschalteten Ventile am UZP.
Der schnelle Weg über das Gleichteilkonzept zeigt: Manchmal braucht man das
sprichwörtliche Rad nicht neu zu erfinden. Im Falle des neuen Ventils für die KTŽ
Passagierwagons „genügte“ die geschickte Kombination des Besten aus drei Welten:
Aus dem AAR-Güterwagen- und GOST-Passagierventil sowie einigen UIC-Komponenten.
Seine treffende Bezeichnung: DBTV-1520 – die Kombination aus dem Basisventil DBTV
mit der in Kasachstan verlegten Spurweite von 1.520 Millimetern. (Brutto-Zeichen inkl.
LZ: 7.922)

Zusammenfassung
In den Bremssystemen für 537 neue kasachische Schlaf- und Liegewagen kommt ein
neuartiges Ventil zum Einsatz, das diverse AAR-, GOST- und UIC-Technologien geschickt
miteinander kombiniert. Anpassungen betrafen unter anderem ein gemeinsames
Gehäuse zur Unterbringung der adaptierten Funktionsteile sowie den
Schnellbremsbeschleuniger mit GOST-entsprechender Empfindlichkeit.
Gummimischungen wurden für Temperaturen bis zu -50 °C optimiert. Von der Idee bis
zum Prototyp vergingen nur etwa eineinhalb Jahre. (Zeichen inkl. LZ: 505)